Es war einmal vor gar nicht langer Zeit, da habe ich eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Sie begann ganz harmlos am Strand, keine 20 Autominuten von mir. Wie oft zuvor lauschte ich den Möwen im Wind und den Wellen, die Nase Richtung Sand gesenkt. Nicht etwa aus Demut, sondern weil ich leidenschaftliche Steine-Sammlerin bin. Könnt ihr euch vorstellen, welche Schätze sich dort lagern, wo sich Meer und Land begegnen? Immer wieder finde ich am Meeres-Saum Versteinerungen aller Art – vor allem Donnerkeile. Manchmal aber auch Seeigel oder Korallen.

Dieses Mal zog eine besonders außergewöhnliche Form meine Blicke auf sich: Lauter runde schwarze Plättchen! Ich nahm sie näher in Augenschein – und tatsächlich handelte es sich um Steine. Allerdings keine gewöhnlichen. Denn dann würde ich euch nicht davon berichten. Nein, es waren sehr ebenmäßige, kreisrunde. Und ich habe auch ihren wahren Ursprung entdeckt. Aber bevor ich dieses Geheimnis hier lüfte, muss ich euch noch von anderen Funden berichten:

Denn wenige Meter weiter entdeckte ich einen braunen Stein, hellgelbbraun mit rostfarbenem Rand – richtig, wie eine Bratkartoffel. Aber aus Stein.

Das machte mich stutzig und ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich hatte natürlich einen Verdacht, was sich hier im Sand abgespielt haben könnte. Als Journalistin musste ich mir aber erst Gewissheit verschaffen, bevor ich mich der Öffentlichkeit offenbaren konnte. Zu viele Enten bevölkern schon die Welt der Elektronik und Papiere (Anmerkung der Verfasserin: Enten sind keine gefiederten Geschöpfe, sondern Wesen der Zeitungen – nämlich N.T. - das stand früher als Kürzel unter manchem Artikel und bedeutete „not testified“, also nicht bestätigt. Aus ihnen wurden die Zeitungsenten, also Gerüchte. Verwandt den Märchen, aber nicht ganz so wahr in ihrem Kern. Zusammen ergeben sie so genannte Tiermärchen:-)

Zurück zu meiner Geschichte von der Ostsee: Ich wartete also die Dämmerung ab, bis ich alleine am Strand war, zu dieser Zeit, wo Ende April Schneeregen fällt, war das gar nicht soooo spät. Natürlich blieb ich nicht lange alleine. Damit hatte ich gerechnet.

Und was glaubt ihr, wer da erschien? Zuerst einige, dann immer mehr... richtig: Meerjungfrauen! Sie kamen an Land und begannen, Feuer zu machen, die Luft erfüllte sich von leckerem Duft, denn sie brieten sich auch allerlei leckere Speisen. Andere tanzten zusammen im Kreis – und wieder andere stellten allerlei Spieltische auf!
Da staunte ich nicht schlecht, hatte ich mit Feierlichkeiten noch gerechnet. Roulette und Würfel hätte ich den Meerjungfrauen nie und nimmer zugetraut. - Obwohl, ihr habt es bestimmt schon erraten, den Beweis hatte ich ja eigentlich schon am Nachmittag gefunden: Die kleinen schwarzen Taler.

Zunächst beobachtete ich von einem wunderbaren Platz unter einem überhängenden Busch heraus. Doch irgendwann siegte meine Neugier. Als ich mich näherte, flohen die meisten ins Wasser, doch eine war nicht schnell genug und ich stand nun mitten in ihrem Weg zurück ins rettende Meer. Sie sah ziemlich erschrocken aus. Als ich ihr meine Funde vom Nachmittag zeigte, begann sie sogar zu schluchzen. Deshalb habe ich nicht alles verstanden. Aber immerhin so viel (und den Rest habe ich mir zusammen gereimt):

Des Nachts, wenn keine Menschenseele mehr am Strand weilt, kommen die Meerjungfrauen an Land. Sie feiern und spielen miteinander. Doch müssen sie vorsichtig sein, denn alles, was das Licht der Morgensonne berührt, wandelt sich zu Stein. Auch sie selbst.
Natürlich habe ich mich bedankt und entschuldigt und bin schnellst möglich zur Seite getreten, damit die Kleine rechtzeitig nach Hause kommen konnte. Die Funde, von denen ich euch erzählt habe, jedoch habe ich mitgenommen und kann sie vorzeigen, um meine Geschichte zu beweisen: Die versteinerte Bratkartoffel und die versteinerten Taler der Meerjungfrauen.

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Strandfest